Was haben eine Wienerin und ein Kanadier gemeinsam?

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Wurzeln und Vorlieben hier und dort

Diese Frage ist in unserer Familie schnell beantwortet: wir haben gemeinsame Groß- beziehungsweise Urgroßeltern. Die recht weitläufige Familie meines Papas ist zum Teil in Kanada ansässig, da zwei seiner Brüder und eine Schwester in den Fünfzigern nach British Columbia ausgewandert sind. Alle Beteiligten haben recht fleißig an der Familienvergrößerung gearbeitet und mittlerweile leben in Kanada eine erstaunliche Anzahl an Cousinen, Cousins, Großcousinen, Großcousins, Urgroßcousinen, Urgroßcousins, usw.

Diesen Sommer hatte einer dieser Großcousins, ein ausgesprochen liebenswerter und sympathischer junger Kanadier, die Möglichkeit, für drei Monate durch Europa zu reisen und Land und Leute kennen zu lernen. So begab es sich natürlich auch, dass er für mehrere Wochen Station in Wien machte und die Gastfreundschaft meiner liebsten Schwester und meines Schwagers genießen durfte, die er sehr schätzte. Die beiden sind nämlich ausgesprochen großzügige und herzliche Leute, die es sich zum Ziel machten, dem jungen Menschen, der doch in unseren Gefilden ein Fremder war, seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten.

So wurde keine Gelegenheit ausgelassen, ihn zum Heurigen, in den Wiener Prater, in die Steiermark, wo noch Überreste des Geburtshauses seines Opas stehen, nach Salzburg und zu diversen zufällig stattfindenden Familienfesten einzuladen, um ihm die Zeit zu vertreiben und schöne Reiseerinnerungen zu bescheren. Es wurde aufgekocht und aufgetischt und glücklich auf allen Seiten gestrahlt, als sich schnell eine weitere Gemeinsamkeit außer unseren Wurzeln feststellen ließ, nämlich die Liebe zum gemütlichen Zusammensein, verbunden mit gutem Essen. Da drängte sich natürlich sofort bei jedem der Wunsch auf, den jungen Kanadier in die köstlichen Geheimnisse der Wiener Küche einzuweihen.

Als es dann endlich soweit war, dass sich auch ein Tag finden ließ, an dem ich meine Gastfreundschaft unter Beweis stellen durfte, machte ich mir ziemlich viele Gedanken, was ich denn typisch Wienerisches auf den Tisch bringen sollte. Ich entschied mich schließlich für folgendes Gericht:

 

Wiener Fiakergulasch

 

Zutaten für 4 Leut’:

  • 1 kg Wadschinken
  • 75 dag Zwiebel
  • 2 Knoblauchzehen
  • 3 EL Öl oder Schweineschmalz
  • 1 EL Paradeismark
  • 1 roter Paprika
  • 3 EL ungarische Gulaschcreme, süß oder
  • 5 dag Paprikapulver, edelsüß
  • 1/8 l Wasser
  • 1 Spritzer Essig
  • 1 TL Kümmel, gestoßen
  • 2 TL Majoran
  • Salz nach Belieben
  • 2 Paar Frankfurter
  • 4 Essiggurkerl
  • (4 Eier)

Zubereitung:

Den Zwiebel hacken und im heißen Öl (original wird hierfür Schweineschmalz verwendet, darauf habe ich aus gesundheitlichen Gründen verzichtet) bei mittlerer Hitze anbraten. Eines der Geheimnisse der Gulaschzubereitung ist, den Zwiebel sehr dunkel zu rösten, das gibt dem Gulasch eine schöne Farbe. Das darf allerdings nicht zu rasch passieren, denn sonst verbrennt er und wird bitter.

Wenn der Zwiebel die gewünschte Farbe hat, den gehackten Knoblauch dazu geben und mit dem Paradeismark  und dem Paprikapulver oder Paprikacreme nochmals kurz durchrösten, dann sofort mit ca. 1/8 l Wasser und einen Spritzer Essig ablöschen. Das Fleisch in ca. 4 mal 4 cm große Stücke schneiden und zum Zwiebel mengen, die sehr fein geschnittenen Paprikastreifen hinzufügen, ebenso die restlichen Gewürze.

Jetzt ist das zweite Geheimnis, das ein richtiges Gulasch ausmacht, zu beachten. Das Fleisch muss hauptsächlich im eigenen Saft schmoren, es soll sehr langsam weichdünsten und auf keinen Fall kochen. Dadurch erhält man diesen rötlichbraunen Gulaschsaft, der beim Wirtshaus-Gulasch so besonders gut schmeckt, weil sich der Zwiebel so ganz zerkochen kann und dem Saft die dickliche Konsistenz gibt. Das Gulasch schmurgelt also nun ungefähr zwei Stunden vor sich hin, falls der Saft zu dick wird, kann ganz wenig Wasser nachgegossen werden.

Am Schluss soll das Gulasch eine rötlichbraune Farbe haben, die Fleischstücke sehr weich und die Soße mollig dicklich sein.

Jetzt ist das Wiener Saftgulasch eigentlich fertig, schmeckt jedoch aufgewärmt besonders gut. Und will man daraus ein Fiakergulasch machen, serviert man es mit einem heißen Frankfurterwürstel, einem fächerartig aufgeschnittenen Essiggurkerl und eventuell einem Spiegelei. Als Beilage eignet sich herrlich ein Semmelknödel, aber auch ein frisches, knackiges Kaisersemmerl oder Salzkartoffeln munden wunderbar dazu.

Bei meinem kanadischen Gast ist das Fiakergulasch, samt der Erklärung, was ein Fiaker ist und dass dieses Gulasch zu den Leibspeisen der Wiener Pferdekutscher zählte, begleitet von einem Glas eisgekühltem Bier, sehr gut angekommen. Aber ehrlich gesagt, nicht nur bei dem lieben Besuch, sondern auch mir und meinem Ehegespons hat es wunderbar geschmeckt.

Ach ja, und die Nachspeise hat ausnahmsweise zur Gänze meine liebe Küchenmaschine zubereiten dürfen. Es gab natürlich Palatschinken, gefüllt mit selbstgemachter Marillenmarmelade. Davon ist auch nichts übriggeblieben.

Viel Spaß beim Nachkochen und Mahlzeit!

 

 

 

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